Lange galt das Spiel mit langen Bällen als „unschön" oder als bloßes Nach-vorne-Schlagen. Dabei steckt im gezielten Spiel auf den zweiten Ball eine eigene taktische Disziplin: Ein Flugball wird bewusst in eine Zone gespielt, in der mehrere eigene Spieler bereitstehen, um die zwangsläufig entstehende Ablenkung oder Ablage sofort zu erobern. Richtig trainiert, ist der zweite Ball im Fußball weit mehr als ein Plan B – er ist eine eigenständige Strategie, um die vermeintliche Sicherheit des Flachpassspiels gezielt gegen Tempo und Tiefe zu tauschen.
Dieser Artikel zeigt, was das Spiel auf den zweiten Ball ausmacht, wie sich der Flugball technisch und taktisch vorbereiten lässt, warum die passende Grundordnung entscheidet, ob eine Ablage oder eine Verlängerung in die Tiefe gelingt – und wie sich selbst ein verlorener zweiter Ball noch zum eigenen Vorteil nutzen lässt.
Was bedeutet Spiel auf den zweiten Ball?
Wird ein Flugball in eine Position gespielt, besteht immer die Gefahr, dass der Ball dort – durch einen technischen Fehler oder durch den Gegner – abgelenkt wird. Genau dieser abgelenkte Ball ist der zweite Ball. Eine vollständige Strategie plant deshalb nicht nur den ersten Flugball, sondern auch einen Plan B für diese Ablenkung. Da sie in der Regel in Richtung des eigenen Tores erfolgt, positionieren sich Mitspieler rund 10 bis 15 Meter hinter dem Zielspieler, um sofort in diesen Kampf eingreifen zu können.
Grundlage: Den Flugball mit hoher Qualität spielen
Jede mannschaftstaktische Strategie braucht eine individuelle Grundlage – beim Spiel auf den zweiten Ball ist das die technische Qualität des Flugballs selbst. Dabei unterscheiden sich die Anforderungen je nach Zweck: Soll das Spiel verlagert werden, braucht der Ball hohes Tempo und möglichst wenig Flughöhe, meist gespielt mit einer Kombination aus Spann und Innenspann nach einer sauberen Vorlage. Soll dagegen ein Stürmer vertikal in die Spitze angespielt werden, zählt weniger das Tempo als die präzise Ansteuerung – mit Innenspann oder als Chipball. Beidfüßigkeit bei beiden Varianten ist das Idealbild, auch wenn es in der Praxis selten vollständig erreicht wird.

Gegnerisches Pressing gezielt auslösen
Um Räume für einen späteren zweiten Ball überhaupt erst zu öffnen, lohnt es sich, das gegnerische Pressing bewusst auszulösen. Das setzt voraus, die typischen Pressingauslöser des Gegners zu kennen – Rückpässe, Querpässe oder bestimmte „Pressingopfer“ im eigenen Team – und eine Strategie zu besitzen, dieses Pressing im Anschluss zu überspielen. Besonders im eigenen Spielaufbau steht dabei zunächst die Ballsicherung im Vordergrund, bevor der eigentliche Flugball gespielt wird.
Die richtige Grundordnung wählen
Welche Grundordnung sich eignet, hängt von der gewählten Strategie ab. Soll der Flugball von einer Seite auf die andere oder aus dem Zentrum auf einen Flügel gespielt werden, empfiehlt sich eine Formation mit doppelt besetztem Flügel – etwa ein 4:4:2, 4:2:3:1 oder 4:3:3. Der Zielspieler, meist der offensive Flügelstürmer, besetzt dabei den Flügel, während der Außenverteidiger den zweiten Ball im Halbraum absichert. Soll stattdessen vertikal ins Feld gespielt werden, ist eine Grundordnung mit stark besetztem Zentrum und starken Halbräumen von Vorteil, etwa ein 4:4:2 in Rautenform.
Die Verschiebebewegung des Gegners nutzen
Im Zeitalter des ballorientierten Verteidigens verschieben defensive Mannschaftsverbünde schnell und effektiv Richtung Ball. Genau dieser Moment lässt sich nutzen: Wird die Verschiebebewegung des Gegners gezielt ausgelöst – etwa durch einen Pass in den Vorlauf des Innenverteidigers – öffnet sich auf der gegenüberliegenden Seite ein Raum, der sich mit einem Flugball gegen die Verschiebebewegung bespielen lässt. Auch einzelne Spieler können diese Bewegung provozieren: Allein durch die Körperstellung beim Ballerhalt lässt sich der Gegner zur Seite locken, bevor der Spieler sich dreht und den frei werdenden Raum selbst nutzt.
Eine zweite, verwandte Strategie nutzt dieselbe Verschiebebewegung für eine echte Spielverlagerung: Wird der Ball zunächst bewusst auf einen Flügel gebracht, verschiebt der Gegner ballorientiert mit – und der entstehende Raum auf der ballfernen Seite wird mit einem langen Flugball, meist gespielt von einem zentralen Mittelfeldspieler oder Innenverteidiger, so schnell wie möglich angesteuert. Damit diese Verlagerung nicht selbst zu einem ungesicherten zweiten Ball führt, sollte der Zielflügel – wie oben beschrieben – doppelt besetzt sein.

Gezielt mit dem zweiten Ball spielen: Ablage oder Verlängerung
Wird ein Flugball vertikal in die Spitze gespielt, ergeben sich zwei Fortsetzungsmöglichkeiten, sobald der Zielspieler den Ball kontrolliert bekommt. Zum einen kann der Ball gezielt abgelegt werden – der Vorteil liegt darin, dass sich der anschließende Ballbesitzer in offener Stellung befindet und alle Optionen der Spielfortsetzung hat, vom Schnittstellenball bis zum Dribbling auf die Kette. Zum anderen kann der Ball direkt in die Tiefe verlängert werden, meist per Kopfballverlängerung nach einem gewonnenen Luftduell. Dafür braucht es Mitspieler in Ballnähe, die den verlängerten Ball gezielt erlaufen können.
Verfügt eine Mannschaft über einen kopfballstarken Stürmer, erhöhen sich die Chancen auf eine gezielte Ablage oder Verlängerung deutlich. Fehlt diese individuelle Qualität, bleibt dennoch eine Variante: Auch ohne kopfballstarke Spieler lässt sich das Spiel auf den zweiten Ball nutzen, indem nach dem Duell direkt ins Gegenpressing gegangen wird – unabhängig davon, wer den ersten Kontakt gewinnt.
Der Ball geht verloren: Gegenpressing als zweite Chance
Kann der zweite Ball nicht gezielt abgelegt oder verlängert werden, befindet sich der Ball dennoch meist in der gegnerischen Hälfte – mit mehreren eigenen Spielern in unmittelbarer Nähe. Genau das macht diese Situation ideal für Gegenpressing: Spieler in direkter Ballnähe üben sofort Druck auf den neuen Ballbesitzer aus, während alle weiteren Mitspieler die Passoptionen zustellen. Gelingt die Balleroberung, ermöglicht die hohe Zahl an Mitspielern in der Nähe einen direkten Konter in die Unordnung des Gegners.
Diese Absicherung beginnt bereits vor dem Flugball: Da beim Spiel auf den zweiten Ball keine direkte Kontrolle über den Ausgang des Luftduells besteht, ist eine durchdachte Restverteidigung unverzichtbar – alle Spieler ohne direkten Zugriff auf den Ball müssen fortlaufend abwägen, wie wahrscheinlich ein Ballverlust ist, und sich entsprechend positionieren, um im Zweifel sofort reagieren zu können.
Häufige Fragen zum zweiten Ball im Fußball
Was ist der zweite Ball im Fußball? Der zweite Ball ist der Ball, der nach einem Flugball durch einen technischen Fehler oder durch den Gegner abgelenkt wird. Da er in der Regel in Richtung des eigenen Tores abspringt, positionieren sich Mitspieler bewusst 10 bis 15 Meter hinter dem Zielspieler, um sofort eingreifen zu können.
Wie bereitet man das Spiel auf den zweiten Ball taktisch vor? Entscheidend sind eine hohe technische Qualität des Flugballs, das gezielte Auslösen des gegnerischen Pressings, eine zum Plan passende Grundordnung mit doppelt besetztem Flügel oder starkem Zentrum, und das bewusste Ausnutzen der gegnerischen Verschiebebewegung.
Was ist der Unterschied zwischen Ablage und Kopfballverlängerung? Bei der Ablage kommt der Zielspieler selbst in offener Stellung in Ballbesitz und hat alle Anschlussoptionen. Bei der Kopfballverlängerung wird der Ball direkt in die Tiefe weitergeleitet, meist nach einem gewonnenen Luftduell, und von einem startenden Mitspieler erlaufen.
Braucht man kopfballstarke Spieler, um auf den zweiten Ball zu spielen? Sie erhöhen die Chancen auf eine gezielte Ablage oder Verlängerung deutlich, sind aber keine Voraussetzung. Auch ohne kopfballstarke Spieler lässt sich die Strategie nutzen, indem nach dem Luftduell direkt ins Gegenpressing gegangen wird.
Fazit
Das Spiel auf den zweiten Ball ist keine Notlösung, sondern eine eigenständige Strategie mit klaren taktischen Grundsätzen: eine hohe technische Qualität des Flugballs, das gezielte Auslösen des gegnerischen Pressings, die passende Grundordnung und das bewusste Ausnutzen der Verschiebebewegung des Gegners. Wer zusätzlich die Restverteidigung und das Gegenpressing danach mitdenkt, macht aus einem vermeintlich riskanten langen Ball eine kontrollierte Angriffswaffe.
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